Lieblingsgedichte

Andreas Gryphius (1616 – 1664)

Es ist alles eitell

Dv sihst/ wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.
Was dieser heute bawt/ reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn/ wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.
Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vndt trotzt ist morgen asch vnd bein.
Nichts ist das ewig sey/ kein ertz kein marmorstein.
Jtz lacht das gluck vns an/ bald donnern die beschwerden.
Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn.
Soll den das spiell der zeitt/ der leichte mensch bestehn.
Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten/
Als schlechte nichtikeitt/ als schaten staub vnd windt.
Als eine wiesen blum/ die man nicht wiederfindt.
Noch wil was ewig ist kein einig mensch betrachten.

Kohelet 1, 2-4: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen.” Es ist gut nachzuvollziehen, dass Vergeblichkeit und Vergänglichkeit im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges vielen Dichtern ein Thema war.

Hans Peter Kraus formuliert auf seiner Website Lyrikmond (zuletzt besucht 11.5.2020) eine ausführliche Formanalyse von Gryphius' Klage, die ich hier nicht wiederholen möchte.

Zu guter Letzt: Ist auch Gryphius’ Zeitgenossen der Satz „bald donnern die beschwerden” aufgestoßen? Der klingt doch heute so, als sei dem Dichter bei der Ernsthaftigkeit seines Anliegens die unterschwellige Komik nicht bewusst geworden. Wäre er Theologe und nicht Jurist, würde ich denken, da sei der Kanzelredner mit ihm durchgegangen.

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