Lieblingsgedichte

Andreas Gryphius (1616 – 1664)

Es ist alles eitell

Dv sihst/ wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.
Was dieser heute bawt/ reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn/ wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.
Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vndt trotzt ist morgen asch vnd bein.
Nichts ist das ewig sey/ kein ertz kein marmorstein.
Jtz lacht das gluck vns an/ bald donnern die beschwerden.
Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn.
Soll den das spiell der zeitt/ der leichte mensch bestehn.
Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten/
Als schlechte nichtikeitt/ als schaten staub vnd windt.
Als eine wiesen blum/ die man nicht wiederfindt.
Noch wil was ewig ist kein einig mensch betrachten.

Prediger 1, 2-4: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen.” Es ist gut nachzuvollziehen, dass Vergeblichkeit und Vergänglichkeit im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges vielen Dichtern ein Thema war.

Klabund 1 bemerkt dazu: „Das Leitmotiv seiner [Gryphius' ] Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergänglichkeit des Menschen und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprünglich religiöse und fast kirchlich-dogmatische Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten grandios künstlerisch zur Weltanschauung einer erschütternden Resignation und eines erhabenen schmerzlichen Pessimismus.”

Gryphius gibt seiner Klage die Form des Sonetts. Ohne es in Strophen abzuteilen, tritt doch die Einteilung in zwei Vierzeiler und zwei Dreizeiler klar zutage, letztere allerdings durch ein Enjambement, einen zeilenübergreifenden Satz, miteinander verbunden. Das Versmaß des Alendriners mit der Zäsur in der Mitte (◡—◡—◡— ‖ ◡—◡—◡—(◡)) gibt ihm die Möglichkeit, immer wieder dem vermeintlich Dauerhaften seine Vergänglichkeit gegenüber zu stellen. Aber, so seine Klage, die Menschen wollen davon nichts wissen. Er endet mit der resignierten Feststellung, kein einziger Mensch wolle sich um das, was ewig ist und wirklich wichtig, sein Seelenheil nämlich, im rechten Maße kümmern.

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1 Klabund, Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Projekt Gutenberg (28.2.2021)
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