Lieblingsgedichte

Günter Grass (1927 – 2015)

Mit endlosem Strich

der von links unten aufsteigt,
Stufen erfindet, zögert,
die Kehre wagt, bergab trudelt,
sich fängt, taumelt, aber nicht bricht,
nun einen Bogen wölbt, kreiselt,
auf der Stelle tritt, Anlauf nimmt,
um beinahe ins Aus,
in die Irre zu gehen,
doch grad noch, nach weiterem Anlauf
spitzfindig den Ausweg weiß
und dabei eines Gesichts – weiblich –
gehügelte Landschaft vermißt,
sie mit Bewuchs besiedelt,
ihr kahle Inseln ausspart,
sich kreuzt, meidet, auf Rufnähe
in wessen Ohrmuschel kriecht,
dort nistet; ein Strich.
dem kein Ziel gesetzt ist,
dessen Atem nur sich meint,
der nie ermüdet,
solange die Tinte fließt.

Ein Strich, eine Lebenslinie entwickelt sich vor unseren Augen. Ihre Verschlingungen und Verästelungen, eine Herausforderung für Grass-Biographen, sind von minderem Interesse als das lange herrschende Gefühl der Endlosigkeit, bis dieses in der letzten Zeile der Erkenntnis weicht, dass die Tinte, der Lebenssaft des Dichters, der Lebenssaft schlechthin, nicht ewig fließt. Die Zeilen stammen aus Grass’ letztem Werk Vonne Endlichkait.

Als des Pfeifenrauchers Herz, Lunge, Nieren ihn immer / wieder und nochmals in die Reparaturwerkstatt zwangen, wo / er als jämmerliches Ich am Tropf hing und ein wachsendes / Häufchen Tabletten schlucken mußte, er auch wohl – berechtigterweise – keinen Roman mehr in Angriff nehmen mochte und eine Autobiographie schon gar nicht, notierte er in langen Tages- und schlaflosen Nachtstunden Gedanken, Erinnerungen, Reflexionen und strichelte graue Bilder der Vergänglichkeit.

Er jammert nicht. Sogar zu schwarzem Humor schwingt er sich auf. Er hat sich, zusammen mit seiner Frau, vom örtlichen Tischler Särge machen lassen aus Kiefer und aus Birke, auch an die Holzdübel zur Fixierung der Deckel ist gedacht. Und dann veranstalten sie ein Probeliegen im Keller, versäumen es aber, Photos zu machen. Kurze Zeit später werden die Särge entwendet, unter Zurücklassen der darin aufgehobenen Dahlienknollen. Und wiederum eine Zeit später sind sie wieder da, darinnen Seite an Seite zwei verhungerte Mäuse. Grass kommentiert das lakonisch: Wir rätseln seitdem.

Die Gestaltung seines Werkes hat Grass zusammen mit seinem Verleger Gerhard Steidl bis in die Einzelheiten festgelegt, die Aufteilung, die Schrifttypen, Umfang und Positionierung der Zeichnungen, selbst die Farbe des Buchtitels. Erschienen ist es ein halbes Jahr nach seinem Tod.

Es unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Mit endlosem Strich eingeleiteten Zeilen, dass Grass hier alle erlesenen Vergleiche, alle rätselhaften Verweise vermeidet, stattdessen in schlichter Sprache und zugänglichen Bildern Grunderfahrung ausbreitet. Und obwohl er sein Buch mit vielen Zeichnungen von Blättern, Federn und toten Fröschen ausgestattet hat, verzichtet er hier auf derartige Konkretisierung, es wäre wohl zu banal.

Gegen Ende des Buches kommt er noch einmal auf einen, diesmal gerade nicht endlosen, Strich zurück: Irgendwer, der es gut meint, rät mir, den Schlußstrich zu ziehen, solange die Hand noch nicht zittert. Er tut das, indem er sich seiner Danziger Heimat und ihrer warmtönenden, Nähe schaffenden Sprache erinnert. Mit einer Huldigung an dieses Danziger Idiom verabschiedet er sich von seinen Lesern:

Vonne Endlichkait

Nu war schon jewäsen.
Nu hat sech jenuch jehabt.
Nu is futsch un vorbai.
Nu riehrt sich nuscht nech
Nu will kein Furz nech.
Nu mecht kain Ärger mähr
un baldich bässer
un nuscht nech ibrich
un ieberall Endlichkait sain.
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