Lieblingsgedichte

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 – 1832)

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
Da ist alles dunkel und düster;
Und so siehts auch der Herr Philister.
Der mag denn wohl verdrießlich sein.
Und lebenslang verdrießlich bleiben.
Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Kapelle;
Da ists auf einmal farbig helle,
Geschicht und Zierat glänzt in Schnelle,
Bedeutend wirkt ein edler Schein
Dies wird euch Kindern Gottes taugen,
Erbaut euch und ergetzt die Augen!

Der belehrende Tonfall klingt heute befremdlich, das Bild selber überzeugt immer noch. Man könnte meinen, es ist ein Gedicht, das anleitet, wie man Gedichte lesen soll. Aber tut es das wirklich? Als Anleitung wirkt es doch reichlich banal: Man soll sich darauf einlassen und in Ruhe umsehen. Keine Checkliste, nach welchen Kriterien vorzugehen ist, kein Aufgabenblatt mit Fragen zur geflissentlichen Beantwortung, eher schon die Ermutigung, auf die ausgeleierten Werkzeuge einer angelernten Rezeption zu verzichten und sich dem Kunstwerk naiv zu nähern.

Denn als Kunstwerk soll ein Gedicht schon gewürdigt werden, es ist schließlich eine heilige Kapelle, keine Kathedrale, dieser Vergleich ist größeren Formen vorbehalten, aber eine Kapelle immerhin bzw. deren Fenster, eine Kapelle, die man nicht durch langatmige Ausführungen zur Baugeschichte und zur Architektur erlebt, sondern deren inneres Wesen sich nur dem öffnet, der in Andacht eintritt. Fragt sich, ob es nicht doch ein frommer Wunsch bleibt, dass sich dann alles farbig helle, klar und durchsichtig und verständlich darbietet.

Oder ist das Gedicht am Ende gar keine Anleitung für den Leser, sondern formuliert eine Aufgabe für den Verfasser, nämlich: Wie soll ein Gedicht beschaffen sein? Nun darf man auf diese Frage in dreizehn Zeilen kein Kompendium erwarten, eher ein paar essentials. Zunächst ist beides erforderlich, Geschicht und Zierat, Inhalt und Form, und beide haben zu glänzen, bedeutend zu glänzen, sprich eine Bedeutung, eine Erkenntnis nahe zu bringen. Und das hat so zu geschehen, dass es den Betrachter nicht ermüdet oder er sich unwirsch abwendet, vielmehr dass die Kinder Gottes, wenn sie denn schon die Kapelle andachtsvoll betreten haben, erbaut und ergetzt werden.

Solche Gedichte, die mich erbauten und ergetzten, habe ich hier zusammengetragen. Es sind, wie ich im Nachhinein feststellen muss, meist solche, hinter denen der Dichter selbst Gestalt annimmt – oder zumindest die Gestalt, die er gern angenommen hätte. Ich habe keine Kriterien, die Auswahl ist subjektiv und zufällig; zufällig – was mir gerade mal über den Weg lief; subjektiv – was mich unmittelbar ansprach. Über literarische Qualität kann ich kein Urteil abgeben, sie wird wohl unterschiedlich sein. Mit einigen Anmerkungen versuche ich nur, mir selbst deutlich zu machen, was mich im Einzelfall einnahm.

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