Lieblingsgedichte

Robert Gernhardt (1937 – 2006)

Was und wer alles ihm am 13. Dezember 2000 durch den Kopf ging

Jedes Weiterleben rächt sich:
Heute wurd ich Dreiundsechzig.
Dreiundsechzig!
Kein Alter fürn Dichter.
Allein diese Zahlen
gemütlicher Dreierschritt:
Drei, sechs, Quersumme neun,
so breiig sie alle, so unendlich rundlich –
und ein Dichter soll doch anecken!
Siebzehn! Das säbelt
zack! ins Zivile.
Einundzwanzig!
Das zeigts den Zeloten.
Item der Vierziger spitzige Sicheln
ziehen und ritzen, schnitzen uns sprießen –
dann aber zieht sichs bis siebzig.
Dreiundsechzig!
Gesegnetes Alter?
Im deutschen Dichterwald
schafftens nur wen'ge.
Entsprechen groß die Zahl der vorher
gefällten Dichterinnen und Dichter.
Wollen wir sie reinlassen?
Wie den edlen Wolfram von Eschenbach
wie Walter von der Vogelweide
wie den unsteten Ulrich von Hutten
mähte der mächtige Tod
Marin Opitz samt Simon Dach,
bevor sie sechzig wurden.
Auch den famosen Paul Fleming
den frommen Friedrich von Logau
den armen Andreas Gryphius
kappte samt Christian Hofmann
von Hofmannswaldau die ebenso scharf
wie früh geschwungene Sense.
Kunstreicher Quirinus Kuhlmann
genialer Christian Günther
geliebter Christian Gellert
scharfzüngiger Christian Schubart
hymnischer Ludwig Chrsitoph Hölty –
ihr sankt in der Blüte der Jahre.
Grollender Gottfried Bürger
feiernder Friedrich Schiller
Neuland suchender Novalis
verzweifelnde Günderode
und du auch, Achim von Arnim, ihr wurdet
zwar älter, aber nicht alt.
Ach Adalbert von Chamisso
o hochbegabter Hauff
verwehter Wilhelm Müller
gespaltener Graf von Platen
Annette von Droste-Hülshoff – ihr senktet
alle zu früh eure Fackel.
Nie lustiger Nikolaus Lenau
nie heimischer Heinrich Heine
nie fröhlicher Friedrich Hebbel
stets nachdenklicher Friedrich Nietzsche –
samt dem in die Ferne drängenden Dauthendey
welktet ihr vor der Reife.
Krankheit schlug Christian Morgenstern
Herzweh Hugo von Hofmannsthal
Haß verfolgte van Hoddis
Erz ereilet Ernst Stadler
Rosen beschwor noch der röchelnde Rilke
solange dazu Zeit war.
Es ging Gerog Heym
es starb August Stramm
es litt Alfred Lichtenstein
es bezahlte Ernst Blass
es verschlang Flex und Trakl ein Krieg,
der auf Frischfleisch aus war.
Einsamer Erich Mühsam
waidwunder Franz Werfel
glückloser Yvan Goll
rastloser Joachim Ringelnatz –
gleich dem schwatzhaften Schwitters gingt ihr
      zeitig
oder wurdet gegangen.
Heimatlos Max Hermann-Neisse
todtraurig Kurt Tucholski
sterbenskrank Klabund
wahngeschlagen Weinheber
im KZ ermordete Getrud Kolmar –
das Ende hat viele Gesichter.
Langgässer hielt es nicht lange
beizeiten ging Bertold Brecht
Thomas Kramer verkam
Reinhold Schneider verschied
den Albrecht Haushofer holte der Henker
zur frühen letzten Stunde.
Verendender Wolfgang Borchert
verblassender Bobrowski
verkümmernde Christine Lavant
verzweifelnder Paul Celan –
mit Konrad Beyer, dem bleichen Komplizen,
macht ihr die sechzig voll.
Fehln noch drei Dichter
um dreiundsechzig
Namen zu nennen,
die es nicht schafften,
den dreiundsechzigsten Lenz zu feiern.
Oder wollten sie's gar nicht und machten sich
      deshalb
beizeiten aus dem Staube?
Brennende Ingeborg Bachmann
blutender Rolf Dieter Brinkmann
euch ging und vielen der andern
voran der schlesische Engel
Angelus Silesius.
Wann schlägt, ihm zu folgen, die Stunde dem,
der euch alle überlebt hat?

Die Eingangszeilen „Jedes Weiterleben rächt sich: / Heute wurd ich Dreiundsechzig” lassen einen launigen Vortrag erwarten. Es kommt anders, doch diese Zeilen haften im Gedächtnis. Sie illustrieren: Es ist Gernhardts Tragik, auch wo er es ernst meint, nicht ernst genommen zu werden. Er kämpfte dagegen, aber es war ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Er hat mit den Jahren zunehmend darunter gelitten, dass ihm die Anerkennung als Dichter versagt blieb. Ganz unschuldig – siehe oben – ist er nicht daran. Auch wo sein ästhetisches Empfinden ernsthaft verletzt wird wie beim Gang durch Metzingen, gerät ihm seine Beschwerde „Dich will ich loben, Hässliches, / du hast so was Verlässliches” zur Büttenrede. Einmal Clown – immer Clown; selbst wenn ihm echter Schmerz Tränen in die Augen treibt, denken die Leute: „Toller Gag!” Man darf aber nicht vergessen, auch Humoristen empfinden Schmerz wie wir alle, sie gehen nur anders damit um.

Dreiundsechzig ist heutzutage kein Alter, und doch erfasst ihn eine große Nachdenklichkeit. Gerade der Lebensspanne von vierzig bis siebzig attestiert er eine quälende Eintönigkeit, einen Mangel an Aufbruch und Begeisterung, „dann aber zieht sichs bis siebzig”. Statt nun seine Lebenssituation weiter zu reflektieren, kommt ihm in den Sinn, wer alles es so weit nicht geschafft hat. Er zählt uns dreiundsechzig früh verstorbene Dichterinnen und Dichter auf und liefert en passant eine Geschichte der Lyrik von Wolfram von Eschenbach bis Ingeborg Bachmann. Zugleich stellt er sich selber in diese Reihe und stößt uns darauf, dass auch er ein tiefdenkender, tiefempfindender Lyriker ist. Angekündigt wird das Defilee allerdings wie in der Mainzer Fastnacht: „Wollen wir sie reinlassen?” Natürlich ist Selbstironie dabei, aber nur ein bisschen.

Es verwundert, dass er gerade Angelus Silesius die Ehre zuteil werden lässt, seine Aufzählung zu beschließen. Jener war in jungen Jahren zum Katholizismus konvertiert, weil nur der sein Bedürfnis nach christlicher Mystik stillen konnte. Wie viele Mystiker versuchte er, die Unfassbarkeit Gottes durch paradoxe Bilder und Wendungen einzufangen: „Eh Ich noch Ich nicht war, so war ich Gott in Gott.” – „Der Theologe Karl Barth nannte die paradoxen Bilder des Angelus Silesius ‚fromme Unverschämtheiten’.” 1 Die sollen wohl Gernhardts Beifall gefunden haben.

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1 Zitiert im auf der Website des Deutschlandfunk (24.11.2021)}
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