Lieblingsgedichte

Emanuel Geibel (1815 – 1884)

Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muß d o c h Frühling werden.
Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.
Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.
Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,
Und möchte vor Lust vergehen.
Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.
Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzenWelt beschieden.
Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll’ auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muß d o c h Frühling werden.

Ein Naturgedicht? Wie so viele seiner Gedichte? Wie Der Mai ist gekommen, / die Bäume schlagen aus? So scheint es.

Entstanden ist es um 1840, in der Zeit des Vormärz. Wenn man das weiß, wird alles ganz anders. Es ist ein politisches Gedicht, aber beileibe kein garstig Lied, auch keine platte Propaganda. Es gibt den Hoffnungen der Zeitgenossen eine Stimme, und das auf so hinterhältig harmlose Weise, dass diejenigen, denen es droht, es entweder gar nicht bemerken oder es absichtlich ignorieren (müssen?), denn was kann man gegen ein harmloses Naturgedicht schon einwenden? Verbieten hülfe eh nichts, sein Volksliedton ist so eingängig, dass es sich leicht in allen Köpfen einnistet.

Zeile für Zeile so gelesen, oder besser gesprochen, noch besser gesungen, nach außen leichthin trällernd, aber dem Sänger ein Kampflied, gleicht es dem Agenten, der lächelnd seinen Dolch schärft. Es ist gewiss, die Freiheit wird wie der Frühling mit Naturgewalt über die erstarrten despotischen Verhältnisse kommen. Ein winziger Hinweis auf diese Lesart findet sich im Gedicht wieder, das gesperrt gedruckte, trotzige d o c h in der ersten und letzten Strophe.

Der Karriere seines Verfassers hat die camouflierte Aufmüpfigkeit übrigens nicht geschadet, das ist wirklich gekonnt. Oder war dieser Hintersinn gar nicht beabsichtigt?

Auch mag ihm zugute gekommen sein, dass er sich für manch vaterländisches Getöse nicht zu schade war, wie Und wenn uns nichts mehr übrig blieb, / So blieb uns doch ein Schwert oder wie Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen.

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