Lieblingsgedichte

Paul Fleming (1609 – 1640)

An sich

Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück / Ort / und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
und eh du förder gehst / so geh in dich zu rücke
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan
dem ist die weite Welt und alles unterthan.

„[…] dieses Gedicht aus großer Not mitten im alles verheerenden Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 – also vor über 360 Jahren geschrieben – von Paul Fleming – 1609 geboren und schon 1640, also nur einunddreißigjährig, gestorben, veröffentlicht erst nach seinem Tode”, so charakterisiert Gerhard Wolf1 dieses Sonnett, und weiter unten: „Ein Zu-sich-selbst-kommen und Sich-seiner-gewiß-sein in Versen, wie ich es kaum wiederfinde.”

Manch altertümliche Wendung könnte heute nicht oder falsch verstanden werden. Weich keinem Glücke nicht – lass es dich nicht anfechten, wenn andere glücklicher scheinen. Laß alles unbereut – mach dich nicht mit Selbstvorwürfen verrückt. Vergnüge dich an dir – setze nicht auf andere. Halt alles für erkohren – denke, dass es dir so bestimmt ist. Nim dein Verhängnüß an – akzeptiere das Schicksel, das über dich verhängt ist. Wer […] sich beherrschen kan – Wer […] Herrscher über seine eigenen Wünsche, Neigungen und Bedürfnisse ist.

Hinnahme des Schicksals, Eigenverantwortlichkeit und Selbstbeherrschung, diese stoischen Ideale bestimmen das Gedicht. Deshalb ist es unerheblich, ob Fleming nur sich selber anredet oder jedermann, den Menschen an sich. Auch wenn er in der Tat sich selbst meint, gibt er doch ein Beispiel für jedermann.

Bei aller Schicksalsergebenheit, Fatalismus ist es nicht, der ihm die Feder führt. Schau alle Sachen an. Diß alles ist in Dir – Sieh dich um, alles um dich her bekommt seine Bedeutung von der Art und Weise, wie du damit umgehst. Gibt es eine dringlichere Aufforderung, tätig zu werden und zu gestalten, sein Los anzunehmen und doch die Hoffnung nicht aufzugeben? In seiner „Neujahrsode 1633, darinnen über zweimalige Verwüstung des Landes, denn auch über Königl. Majest. aus Schweden Todesfall geklaget und der endliche Friede erseufzet wird”, drückt er das so aus:

Trit, was schädlich ist, beiseit!
Hin, verdamte Pest und Streit!
Weg ihr Sorgen, weg Gefahr:
itzund komt ein neues Jahr!
_____________________
1 Wolf, Gerhard, aus: Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten, herausgegeben von Richard Pietraß unter Mitarbeit von Peter Gosse, Projekte-Verlag Cornelius, 2009, im Internet auf planetlyrik.de (23.10.2020)
≡ Navigation
 
↑ Seitenanfang