Lieblingsgedichte

Gerrit Engelke (1890 – 1918)

Lokomotive

Da liegt das zwanzigmeterlange Tier,
Die Dampfmaschine,
Auf blankgeschliffener Schiene
Voll heißer Wut und sprungbereiter Gier –
Da lauert, liegt das langgestreckte Eisen-Biest –
Sieh da: wie Oel- und Wasserschweiß
Wie Lebensblut, gefährlich heiß
Ihm aus den Radgestängen: den offnen Weichen fließt.
Es liegt auf sechzehn roten Räder-Pranken,
Wie fiebernd, langgeduckt zum Sprunge
Und Fieberdampf stößt röchelnd aus den Flanken.
Es kocht und kocht die Röhrenlunge –
Den ganzen Rumpf die Feuerkraft durchzittert,
Er ächzt und siedet, zischt und hackt
Im hastigen Dampf- und Eisentakt, –
Dein Menschenwort wie nichts im Qualm zerflittert.
Das Schnauben wächst und wächst –
Du stummer Mensch erschreckst –
Du siehst die Wut aus allen Ritzen gähren –
Der Kesselröhren-Atemdampf
Ist hochgewühlt auf sechzehn Atmosphären:
Gewalt hat jetzt der heiße Krampf:
Das Biest es brüllt, das Biest es brüllt,
Der Führer ist in Dampf gehüllt –
Der Regulatorhebel steigt nach links:
Der Eisen-Stier harrt dieses Winks!:
Nun bafft vom Rauchrohr Kraftgeschnauf:
Nun springt es auf! nun springt es auf!
Doch:
Ruhig gleiten und kreisen auf endloser Schiene
Die treibenden Räder hinaus auf dem blänkernden Band,
Gemessen und massig die kraftangefüllte Maschine,
Der schleppende, stampfende Rumpf hinterher –
Dahinter – ein dunkler – verschwimmender Punkt –
Darüber – zerflatternder – Qualm –

Lokomotivführer zu werden war einst ein Jungentraum: Eine Maschine zu beherrschen von gefährlicher Kraft, die Kraft zu bändigen oder loszulassen nach Belieben, Hebel und Ventile kenntnisreich zu bedienen, Lärm und Hitze auszuhalten, Ruß und Dampf sich ins Gesicht blasen zu lassen, unvorstellbare Lasten zu bewegen, zu fahren wohin immer man will.

Engelkes 1912 entstandenes Gedicht ist mehr als dieser Traum. Seine Lokomotive ist zum Fürchten, ein Untier, ein „Eisen-Biest” voll angespannter Wut und lauernder Zerstörungsgier. Wehe dem, der in ihre „Räder-Pranken” gerät! Das ist keine Eisenbahn-Romantik, das ist der Albtraum von einer Technik, die sich nur noch mit Mühe und nicht immer zuverlässig beherrschen lässt. (Wie recht er hat, im selben Jahr 1912 sank die Titanic). Und trotzdem, die immanente Gefahr vermag immer auch zu faszinieren, ja zu hypnotisieren.

Der Albtraum ist menschengemacht. Aber er gewinnt ein eigenes Leben, eine eigene Unberechenbarkeit. Meist geht es gut, die Maschine gehorcht dem Maschinisten. Doch manchmal wird der Albtraum real, wie drei Jahrzehnte zuvor, als eine Brücke mitsamt Zug und 75 Menschen in den eiskalten Fluten des Firth of Tay versank. „Tand, Tand / ist das Gebilde von Menschenhand,” dichtete Theodor Fontane aus diesem Anlass.

Von weitem gesehn wird die Gefahr klein, und man entdeckt den Nutzen und sogar die Schönheit in dem, was aus der Nähe ängstigt. Das sind die zwei Gesichter des Maschinenzeitalters, Fluch und Segen. Wir gewinnen manche Erleichterung und eine neue Ästhetik. Aber es ist blauäugig, der menschen­gemachten Technik allzu sehr zu vertrauen. Immer wieder bringt sich die drohende Gefahr in Erinnerung, wie in seinem Gedicht Der Tod im Schacht:

Zweihundert Männer sind in den Schacht gefahren.
Mütter drängen sich oben in Scharen.
Rauch steigt aus dem Schacht.
Die Kohlenwälder nachtunten glühen,
Urwilde Sonnenfeuer sprühen.
Rauch steigt aus dem Schacht.
Retter sind hinab gestiegen;
Kamen nicht wieder, sie blieben liegen.
Rauch steigt aus dem Schacht.
Der Brandschlund frißt seine Opfer – und lauert.
Die brennenden Stollen werden zugemauert.
Rauch steigt aus dem Schacht.
Zweihundert waren in den Schacht gefahren.
Mütter weinen an leeren Bahren.
Rauch steigt aus dem Schacht.

Immer wieder muss man auf das Unvorhersagbare gefasst sein. Das trifft auch auf Gerrit Engelke selber zu. 1915 wurde er zum Kriegsdienste einberufen. 1918 geriet er schwer verwundet in Kriegsgefangenschaft und starb kurz darauf in einem britischen Lazarett. Seine gesammelten Gedichte erschienen 1921 unter dem von ihm noch selbst ausgesuchten Titel Der Rhythmus des neuen Europa. Hat der Titel angesichts des Weltkriegs und seiner Folgen schon einen bitteren Ton, verstärkt sich dieser, wenn wir in dem Vorspruch lesen:

Mich aber schone, Tod,
Mir dampft noch Jugend blutstromrot, –
Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,
Noch ist die Zukunft dunstverhüllt –
Drum schone mich, Tod.

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