Lieblingsgedichte

Wo ich wohne

Günter Eich (1907 – 1972)

Als ich das Fenster öffnete,
schwammen Fische ins Zimmer,
Heringe. Es schien
eben ein Schwarm vorüberzuziehen.
Auch zwischen den Birnbäumen spielten sie.
Die meisten aber
hielten sich noch im Wald,
über den Schonungen und den Kiesgruben.
Sie sind lästig. Lästiger aber sind noch
die Matrosen
(auch höhere Ränge, Steuerleute, Kapitäne),
die vielfach ans offene Fenster kommen
und um Feuer bitten für ihren schlechten Tabak.
Ich will ausziehen.

Wenn ich nur noch unwillig in meinen vier Wänden ausharre, wenn, sobald ich nicht aufpasse, vertraute Bilder herandrängen, aber aus jedem Zusammenhang gerissen, wenn nichts mehr ist, wie es einmal war, wenn mir oben und unten, Luft und Wasser durcheinander geraten sind, wenn Fische fliegen und Vögel tauchen, wenn Absurdes mir ganz natürlich und Vertrautes mir fremd, ja verstörend vorkommt, wenn alles falsch erscheint, wenn ich das Einzelne wieder erkenne und doch das Ganze nicht zusammen bringe, wenn die Versatzstücke meiner Welt mich wie lästige Fliegen umtanzen, wenn Schemen sich aufdrängen ohne Gesicht, Theaterchargen aus der Fische- und Wasserwelt, die ihre Rollen mehr schlecht als recht spielen, wenn ich nicht nur falsch sehe, sondern mich alle Sinne betrügen, wenn ich in allem keinen Sinn und keinen Zusammenhang mehr finde, wenn ich nicht mehr entscheiden kann, ob das alles der Phantasie entspringt oder dem Irrsinn, wenn ich mir einbilde, nicht ich sei irre geworden bin, sondern die Welt um mich herum, wenn auf nichts mehr Verlass ist, wenn die alte Ordnung zum Teufel ist, – dann, ja dann mag schon mal der Gedanke auftauchen, sich auch noch der alten Bilder zu entledigen, diesem allen ein Ende zu setzen.

Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, / schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Das gilt zumindest für Eichs literarische Tätigkeit vor und im Zweiten Weltkrieg. Ohne sich nachgerade anzubiedern, war er in dieser Zeit für den staatlich gelenkten Rundfunk tätig und somit ein Rädchen in der großen Propagandamaschinerie. Das wurde ihm später von manchen vorgehalten. In dem vorliegenden Gedicht wird der biografische Bruch thematisiert, der ihn zu einem prominenten Dichter des radikalen Neuanfangs und einem frühen Mitglied der Gruppe 47 machte.

Ausziehen, mit diesem Wort endet das Gedicht; ausziehen schillert in vielen Bedeutungen, als Verlassen und Aufgeben der Wohnung, der privatesten und vertrautesten Umgebung, die Halt und Rückzugsort bietet, als Ablegen der Kleidung, des letzten Schutzes vor der Kälte der Welt und der Neugier fremder Augen, als Ausreißen einer Wurzel oder eines schmerzenden Zahns, mag es auch Überwindung kosten, als Aufbrechen zu neuen Taten und Abenteuern wie in dem Märchen Von Einem der auszog, des Fürchten zu lernen. Mut spricht sich darin aus, aber auch die Einsicht, dass es so nicht weiter geht.

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