Lieblingsgedichte

Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich;
Hoch über mir, gleich trübem Eiskrystalle,
Zerschmolzen, schwamm des Firmamentes Halle,
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen,
– Zerflossne Perlen oderWolkenthränen? –
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich!
Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm,
Im Laube summte der Phalänen Reigen.
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen;
Und Blüthen taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid,
Und Bildern seliger Vergangenheit.
Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein, –
Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein! –
Sie drangen ein, wie sündige Gedanken,
Des FirmamentesWoge schien zu schwanken,
Verzittert war der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne an den Grund gesunken,
Nur Bergeshäupter standen hart und nah,
Ein düstrer Richterkreis, im Düster da.
Und Zweige zischelten an meinem Fuß,
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß,
Ein Summen stieg im weitenWasserthale
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse Etwas Rechnung geben,
Als stehe zagend ein verlornes Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.
Da auf die Wellen sank ein Silberflor,
Und langsam stiegst du, frommes Licht, empor;
Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise,
DerWellen Zucken ward ein lächelndWinken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimathlampe Schein.
O Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Des Lebens zartenWiderschein geschlungen,
Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
In Feuerströmen lebt, in Blute endet, –
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber o ein mildes Licht!

(Phaläne = Nachtfalter, Feuerfliege = Glühwürmchen.)

Michael Schneider1 stellt fest: „Die meisten lyrischen Dichtungen Annette von Droste-Hülshoffs sind mehr oder weniger deutlich autobiografisch geprägt. […] Die Ich-Figur in ihrer Lyrik ist kein bloßes Rollen-Ich oder ein rein fiktives Erlebnis-Ich, sondern fast stets – und kaum verhüllt – das individuelle Ich der Autorin; […].”

Das Gedicht Mondesaufgang entstand im März des Jahres 1844 während ihres zweiten Aufenthalts auf der Meersburg. Ihr erster Aufenthalt, zwei Jahre zuvor zusammen mit ihrem jugendlichen Freund Levin Schücking, hatte zu den fruchtbarsten, vielleicht auch glücklichsten Zeiten der Dichterin gehört. „O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff, / Das Steuerruder ergreifen, / Und zischend über das brandende Riff / Wie eine Seemöwe streifen.” In der Zwischenzeit hatte Schücking geheiratet. Bei einem Besuch des Paares auf der Meersburg schenkte Annette ihm zum Abschied die Zeilen: „Lebt wohl, es kann nicht anders sein! / Spannt flatternd eure Segel aus, / Laßt mich in meinem Schloß allein, / Im öden geisterhaften Haus.”

Ihr Lebensmut war dahin. Kränkelnd und innerlich vereinsamt verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre, „am Strahl verflattert und versungen”, wie sie eine tote Lerche beklagt. Es ist diese Seelenlage, die auch in dem Gedicht Mondesaufgang zu Worte findet. Erinnerung klingt an, Schuldgefühle kommen auf, Resignation und Entsagung drücken nieder, und über alles gießt der Mond schließlich sein mildes Licht, das scharfe Gegensätze mildert, grelle Farben dämpft und störende Einzelheiten zum Verschwimmen bringt.

Michael Schneider teilt das Gedicht in drei Sinneinheiten von je zwei Strophen auf, das Warten auf den Mond bei hereinbrechender Dämmerung, die trostlose, bedrohliche Dunkelheit zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang, schließlich das erlösende Erscheinen des ersehnten Mondes. Er schreibt: „Clemens Heselhaus hat diese drei Stadien treffend mit »Erwartung«, »Bedrohung« und »Erfüllung« überschrieben […]”

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1 Schneider (12.5.2020)
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