Lieblingsgedichte

Matthias Claudius (1740 – 1815)

Der Mensch

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr:
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet, und verehret;
Hat Freude, und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts, und alles wahr;
Erbauet, und zerstöret;
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst, und zehret;
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

Claudius gibt sich hier altväterlich. Mag die Verbform „kömmt” zu seiner Zeit noch im Schwange gewesen sein, waren die Bildungen „gewähret”, „höret” etc. auch damals schon veraltet, dasselbe gilt für „nimmer” statt niemals. So macht er deutlich, dass er keinen umwerfend neuen Gedanken mitzuteilen hat, seine Verse vielmehr eine zeitlos gültige Wahrheit in Erinnerung rufen.

Sein Gedicht, auch wenn es auf die Lebensabschnitte verweist, gibt keine Entwicklung wieder, selbst die Reime bleiben lange dieselben und kommen nicht von der Stelle. Ein wenig erinnert die Auflistung an barocke Gebrauchspoesie. Das scheint ihm bewusst zu sein, er distanziert sich davon durch ein an Vers 14 angehängtes „etc”. Man muss das wohl als eine Art Achselzucken ansehen im Sinne von „ich könnte so weiter machen, aber erspare es euch”.

Im Sprachrhythmus greift Claudius auf ein noch älteres Vorbild zurück. „Uns ist in alten mæren    wunders vil geseit / von heleden lobebæren,    von grôzer arebeit” beginnt das Nibelungenlied aus dem 13. Jahrhundert.

Claudius ist ein gläubiger Christ, sein Gedicht eine Paraphrase zu Psalm 90 Vers 10: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon”. Ihm ist das Streben nach individuellem Glück (das es sogar bis in die amerikanische Verfassung geschafft hat) nicht das erste Lebensziel. Durch zahlreiche Gegenüberstellungen, „höret” – „Trugs”, „verachtet” – „verehret”, „erbauet” – „zerstöret”, „wächst” – „zehret” etc., verweist er darauf, dass das Menschenleben stets mit Höhen und Tiefen einher geht, das ist normal.

In den beiden letzten Zeilen zerschlägt er das bis dahin gültige Versschema. Die vorletzte Zeile ist verlängert, eine Fermate, ein Innehalten. Die letzte Zeile hat keinen eindeutigen Rhythmus mehr. Liest man sie wie die andern in Jamben, müsste die Betonung auf dem „er” liegen, aber das macht ja überhaupt keinen Sinn. Es scheint, als folgen hier wie Glockenschläge mehrere Hebungen aufeinander (— — — —◡—◡). Das ist gar nicht so weit her geholt, auch in Claudius' Gedicht Der Tod kündigt sich dieser mit Glockenschlägen an:

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.

Claudius' Gedanken an den Tod sind ambivalent. An anderer Stelle apostrophiert er ihn als „Freund Hain”. Sein Gedicht Nach der Krankheit 1777 endet mit den Zeilen:

Will mich denn freun noch, wenn auch Lebensmühe
Mein wartet, will mich freun!
Und wenn du wiederkömmst, spät oder frühe,
So lächle wieder, Hain!
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