Lieblingsgedichte

Paul Celan (1920 – 1970)

Mandorla

In der Mandel – was steht in der Mandel?
Das Nichts.
Es steht das Nichts in der Mandel.
Da steht es und steht
Im Nichts – wer steht da? Der König.
Da steht der König, der König.
Da steht er und steht.
Judenlocke, wirst nicht grau.
Und dein Aug – wohin steht dein Auge?
Dein Aug steht der Mandel entgegen.
Dein Aug, dem Nichts stehts entgegen
Es steht zum König.
So steht es und steht.
Menschenlocke, wirst nicht grau.
Leere Mandel, königsblau.

Mandorla kommt aus dem Italienischen und heißt Mandel. In der Kunstgeschichte beschreibt der Begriff Mandorla eine den ganzen Körper umfassende, mandelförmige Aura, die vorzugsweise den thronenden Christus, den Weltenherrscher, umschließt. Celans Mandel ist leer. Das hat nicht nur damit zu tun, dass ihm als Juden der Glaube an Christus fremd ist, sondern dass offenbar auch den Christen ihr Glaube abhanden gekommen ist, und mit dem Glauben auch alles andere, Hoffnung und Liebe.

Auch das Auge ist mandelförmig, das Gegenstück zur Mandorla und, so könnte man folgern, wo nichts zu sehen ist, ebenso leer. Ein Fehlschluss, wie sich zeigen wird.

Mandel, Mendel ist zudem ein verbreiteter jüdischer Name, es ist die jiddische Form von Immanuel, Gott ist mit uns. Das unterstreicht nur den Verlust. Auch der Gott Israels scheint sich unsichtbar gemacht zu haben. Wie wäre das Folgende sonst möglich!

Das Nichts starrt uns an aus der Mandel, bohrend und unwandelbar. Je länger wir hinschauen, umso brennender schmerzt die Leere, umso stärker halluzinieren wir, was da hinein gehört, den König, den Weltenherrscher, umso schmerzlicher wird uns bewusst, was wir verloren haben. Wir haben unsere Mitte, nicht nur die der Mandorla, verloren. Wie das?

Weil die Judenlocke nicht grau wird. Die Judenlocken, Peies, die Schläfenlocken orthodoxer jüdischer Männer, werden nicht grau, weil ihr Träger nicht alt wird. Er wird nicht alt, weil er entweder ewig lebt wie Ahasver oder früh stirbt. Er stirbt früh, weil er Opfer eines Verbrechens wird, nicht irgendeines, sondern DES Verbrechens, das im Gedicht nicht ausgesprochen, nur angedeutet ist. Angedeutet ist es z. B. im Wort Judenlocke, dem ein abwertender, rassistischer Unterton anhängt.

Das Verbrechen wurde möglich, weil die Mandorla leer ist. Der Weltenlenker lenkt nicht mehr. Sein Auge ist leer wie seine Mandorla. Er sieht nicht, was vorgeht. Wird er angesprochen, wenn von deinem Auge die Rede ist?

Nein, so ist es wohl nicht, denn das Auge widersteht dem Nichts. Das du richtet sich nicht an den abwesenden König, sondern an jeden, der sich dem Gedicht aussetzt, zuerst aber an den, der diese Worte spricht. Dessen Auge erblickt den König, der nicht da ist, im Auge ist er da. Das Auge ist unbestechlicher als der verschwundene Weltenlenker, der hat sich fein aus dem Staub gemacht. Dann muss eben das Auge seine Stelle einnehmen, die Form dazu hat es ja bereits.

Und es registriert unbestechlich, dass es Menschen und nicht in erster Linie Juden waren, an denen DAS Verbrechen begangen wurde. Dass man die Menschen einteilte in Juden und Nicht-Juden, war schon das erste Verbrechen.

Und es sieht, dass in der Mandel noch ein Abglanz früherer Pracht nachleuchtet. Sie ist leer, die Mandel, aber das Blau lässt erahnen, wie herrlich sie gewesen sein muss, als der Weltenherrscher noch darin thronte. Schließlich ist Blau die Farbe des Himmels, auf Gemälden trägt die Gottesmutter oft einen blauen Mantel. Und Blau ist die Farbe der Macht, das glaubte im Mittelalter auch Kaiser Heinrich II., deswegen hatte er einen tiefblauen Mantel mit goldenen Sternen drauf.

Michael Krämer1 nennt den Sprachduktus des Gedichts Psalmenton. Das ist nicht verwunderlich, denn wer das Auge besitzt, wird zum Seher, und wer zum Seher geworden ist, kann nicht anders als seine Gesichte im hohen Ton zu verkünden.

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1 Krämer (10.5.2020)
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