Lieblingsgedichte

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

Idiosynkrasie

Der Tag ist grau. Die Wolken ziehn.
Es saust die alte Mühle.
Ich schlendre durch das feuchte Grün
Und denke an meine Gefühle.
Die Sache ist mir nicht genehm
Ich ärgre mich fast darüber.
Der Müller ist gut; trotz alledem
Ist mir die Müllerin lieber.

Idiosynkrasie, Überempfindlichkeit titelt Busch seinen Achtzeiler, mit dem er sich für seine Verhältnisse recht weit aus dem Fenster lehnt. Der freundliche Misanthrop, der sonst so wenig wie möglich von sich selber preisgab, betreibt hier nachgerade Selbstentblößung. Er tut es nur unwillig, die Sache ist ihm „nicht genehm“. aber es will doch wohl heraus.

1868 besuchte Busch seinen Bruder Otto, der als Hauslehrer bei der Bankiersfamilie Kessler in Frankfurt lebte. Sie nahmen auch ihn gastfreundlich auf, richteten ihm ein Atelier ein, er malte ihre Kinder. Treibende Kraft war dabei weniger der amusische Bankier als vielmehr seine Frau, die Busch unter ihre Fittiche nahm.

Es entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis, das Busch offenbar zu schaffen machte. Zwar wahrten beide stets Distanz, bezeichneten sich im Briefwechsel wechselseitig als Onkel und Tante. Andererseits verfertigte Busch in dieser Zeit eine zauberhafte Bleistiftzeichnung seiner Gönnerin, und er veröffentlichte 1874 in seiner Sammlung Dideldum das vorliegende Gedicht.

Gaby Schury1 hierzu: „Aufschlussreich sind die Gaben an Johanna Kessler, die zum Kostbarsten gehören, das er schenken kann, und zwar »sehr gerne«, wie er sich noch im Alter erinnert: Es sind in wochenlanger Arbeit entstandene Zierhandschriften von »Hans Huckebein«, »Antonius«, »Helene«, »Filucius«, »Jobsiade«, und »Dideldum!« (mit der besonders sorgfältigen Auszierung des Gedichts »Idiosynkrasie«). […]

Umgekehrt verraten die Gaben aus Kessler’scher Küche und Handarbeitssalon, wie man bemüht ist, Busch mehr und mehr auf den »Onkel« festzulegen. In all den Jahren der Korrespondenz wandern viele gebratene Vögel von Frankfurt nach Wiedensahl (später Mechtshausen) und daneben: ein Fußsack, eine Lesedecke mit Ärmeln, eine mollige Unterlage, eine gehäkelte Börse, ein Kästchen, eine Fußdecke [etc. etc.]” (Zitat Ende)

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1 Schury, Gaby, Wilhelm Busch, Die Biographie, Berlin: Aufbau- Verlag 2010, ISBN 978-3-7466-7071-3, S. 177 f
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