Lieblingsgedichte

Bert Brecht (1898 – 1956)

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

Sechs armselige Zeilen, eine läppische Handlung, nein, nicht einmal eine Handlung, eine Allerwelts-Situation. Aber sie wird überhöht, indem sie als mitteilenswert ausgegeben wird. Der Mitteiler, das lyrische Ich, sitzt am Straßenrand in sicherer Entfernung vom Geschehen, einer Fahrzeugreparatur, einer unverhofften Panne. Damals war ein „Platten” noch ein alltägliches Vorkommnis.

Was tut man bei so einer erzwungenen Unterbrechung? Man könnte die Pause genießen, die Landschaft betrachten, eine Zigarette rauchen – aber nein, man kommt ins Grübeln. Wo komme ich her? Wo will ich hin? Was tu ich hier? Und je mehr man grübelt, umso sinnloser erscheint das alles. Ein großes, allumfassndes Unbehagen ergreift das Ich. Das beste wäre, wenn es endlich weiter ginge und die Grübelei ein Ende hätte.

Im Spätsommer 1953 hat Brecht sich in sein Haus in Buckow am Scharmützelsee zurück gezogen und verfasst mehrere von Schwermut überschattete Kurz­gedichte, die später unter der Sammelbezeichnung „Buckower Elegien” zusammen­gefasst wurden. Zu diesen gehört auch Der Radwechsel.

Buckow war die letzte Station seines lebenslangen Umherreisens. Dieses hatte ihn von Augsburg nach München, von München nach Berlin, auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus nach Dänemark, Schweden und schließlich Hollywood, nach dem Krieg nach Zürich und zuletzt nach Ostberlin und Buckow geführt, wo er sich seiner Vorstellung von einer sozialistischen Gesellschaft nahe fühlte. Das Woher und Wohin hat ihn zeitlebens verfolgt.

Und dann musste er den Aufstand vom 17. Juni 1953 mitansehen. Reparations­leistungen und forcierte Verstaatlichungen hatten zu einer Wirtschafts- und Versorgungskrise geführt. Der Staat wollte dieser mit Erhöhung der Arbeits­normen, sprich: Mehrarbeit ohne Lohnausgleich, begegnen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. („Pieck, Ulbricht, Grotewohl, wir ha'm die Schnauze voll !”) Es blieb nicht beim Protest dagegen; freie Wahlen, Rücktritt der Regierung, ja sogar Anschluss an Westdeutschland wurden gefordert. Sowjetische Truppen schlugen den Aufstand nieder.

Brecht kommentierte die Ereignisse als revanchistisch und von westlichen Agitatoren voran getrieben, er forderte aber gleichzeitig den Dialog der Führung mit den Massen. Ersteres wurde freudig aufgegriffen, letzteres hinhaltend verweigert. Es scheint nicht zu weit her geholt, in den Buckower Elegien auch die Erfahrungen des 17. Juni verarbeitet zu sehen. Eine Limousine mit Fahrer macht nicht unempfindlich für die Widersprüche im System.

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