Lieblingsgedichte

Elisabeth Borchers (1926 – 2013)

eia wasser regnet schlaf

I
eia wasser regnet schlaf
eia abend schwimmt ins gras
wer zum wasser geht wird schlaf
wer zum abend kommt wird gras
weißes wasser grüner schlaf
großer abend kleines gras
es kommt es kommt
ein fremder
II
was sollen wir mit dem ertrunkenen matrosen tun?
wir ziehen ihm die stiefel aus
wir ziehen ihm die weste aus
und legen ihn ins gras
mein kind im fluß ists dunkel
mein kind im fluß ists naß
was sollen wir mit dem ertrunkenen matrosen tun?
wir ziehen ihm das wasser an
wir ziehen ihm den abend an
und tragen ihn zurück
mein kind du mußt nicht weinen
mein kind das ist nur schlaf
was sollen wir mit dem ertrunkenen matrosen tun?
wir singen ihm das wasserlied
wir sprechen ihm das grasgebet
dann will er gern zurück
III
es geht es geht
ein fremder
ins große gras den kleinen abend
im weißen schlaf das grüne naß
und geht zum gras und wird ein abend
und kommt zum schlaf und wird ein naß
eia schwimmt ins gras der abend
eia regnet’s wasserschlaf.

Eine große Ruhe beschwört das Gedicht. Gleichklang wird erzeugt durch Wiederholung, so im ersten Abschnitt „ schlaf … gras … schlaf … gras … schlaf … gras”. Das hat etwas Gebetsmühlenhaftes. Dass alle diese Zeilen mit einem gedehnten a ausklingen, unterstreicht die große Ruhe. Plötzlich eine Störung, ein rätselhafter Unbekannter wirft seinen Schatten auf den Frieden.

Das mehrmalige „eia” verweist auf das Kinderlied „Eia popeia, was raschelt im Stroh?” Ein Schlaflied also, ein Schlaflied für ein Kind, zweimal wird es direkt angesprochen. Aber das „eia” erinnert auch an die Zeile „Eia, wär'n wir da” aus dem Weihnachtslied In dulci jubilo. Als wollten wir uns selbst in die große Ruhe hinein wünschen.

Dann entsteht Unruhe, inhaltlich und im Drucksatz. Ein ertrunkener Matrose stört unsere Kontemplation. Was sollen wir mit ihm anstellen? „What shall we do with a drunken sailor?” Borchers' Seemann allerdings ist er-, nicht betrunken, obwohl – ihm die Stiefel auszuziehen und beim Entkleiden zu helfen, macht ja bei einem Betrunkenen eher Sinn. Auch dem Kind wird eingeredet, „das ist nur schlaf”, vielleicht möchte sich aber vor allem das lyrische Ich damit beruhigen.

Das geht nicht lange gut. Alles, was wir noch für den ertrunkenen Matrosen tun können, sind Lied und Gebet, „dann will er gern zurück”. Wohin? Ins Wasser doch wohl nicht, aber vielleicht dahin, wo er nicht nur vor seinem Sterben, sondern sogar vor seinem Leben gewesen ist, ins Nicht-Sein?

Er hat die große Ruhe gewonnen. Auch der als Bedrohung empfundene Fremde verschwindet, sei es nun Hypnos, der Schlaf, oder Thanatos, der Tod, gleichviel, sie sind Zwillingsbrüder, verwechselbar, und Söhne von Nyx, der Ur-Nacht. Die Wesensverwandtschaft von Schlaf und Tod gibt dem Mittelteil des Gedichts etwas schwebend Unbestimmtes.

Wenn der Unbekannte aus dem Blick verschwindet, kehrt für das Kind, aber auch für uns, die wir uns ebenfalls angesprochen fühlen dürfen, die große Ruhe zurück. Niemand muss sich fürchten, alles ist gut, „eia schwimmt ins gras der abend / eia regnet’s wasserschlaf”.

Das immer wieder genannte gras ruft eine Zeile aus Brahms' Deutschem Requiem in Erinnerung: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras.” Auch dort: Trost und Ruhe. – Den vielen gedehnten, ruhig-dunklen a-Vokale in „schlaf”, „gras”, „abend” stehen die kurzen, scharfen in „naß” und „wasser” gegenüber, diesem Element eine unangenehme Empfindung beifügend. Wer möchte schon ertrinken!

Alles fügt sich zu einer subtilen Art von Schlaflied, das die Angst nicht ausblendet, sondern überwindet. Dies zeigt sich in der Dreiteilung des Gedichts: Am Anfang steht das absichtslose Ausspannen. Eine Phase der Nachdenklichkeit und Unbehaglichkeit schließt sich an. Am Ende wird ein Zustand der bewussten, wunschlosen Ruhe und Hingabe erreicht. Selbst das „grüne naß” hat nichts Bedrohliches mehr.

Das Gedicht hat bei seinem Erstabdruck 1960 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Aus heutiger Sicht erscheint das schwer nachvollziehbar. Man muss es damals wohl gänzlich anders gelesen haben. Das macht nachdenklich; ob die hier dargelegte Auffassung Bestand hat, ist ja auch nicht gewiss.

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