Lieblingsgedichte

Johannes Bobrowski (1917 – 1965)

Dorfmusik

Letztes Boot darin ich fahr
keinen Hut mehr auf dem Haar
in vier Eichenbrettern weiß
mit der Handvoll Rautenreis
meine Freunde gehn umher
      einer bläst auf der Trompete
      einer bläst auf der Posaune
Boot werd mir nicht überschwer
hör die andern reden laut:
dieser hat auf Sand gebaut.
Ruft vom Brunnenbaum die Krähe
von dem ästelosen: wehe
von dem kahlen ohne Rinde:
nehmt ihm ab das Angebinde
nehmt ihm fort den Rautenast
      doch es schallet die Trompete
      doch es schallet die Posaune
keiner hat mich angefaßt
alle sagen: aus der Zeit
fährt er und er hats nicht weit
Also weiß ichs und ich fahr
keinen Hut mehr auf dem Haar
Mondenlicht um Brau und Bart
abgelebt zuendgenarrt
lausch auch einmal in die Höhe
      denn es tönet die Trompete
      denn es tönet die Posaune
und von weitem ruft die Krähe
ich bin wo ich bin: im Sand
mit der Raute in der Hand

Ein Lied vom Sterben oder vielmehr von einem Begräbnis, was der Titel Dorfmusik, sich harmlos gebend, zunächst verbirgt. Schlichte Worte, eine einfache Melodie. Immer wieder drängt sich die Blasmusik ans Ohr, im Gedicht hervorgehoben durch Einrückung, in die Strophen jeweils eingebunden durch ein umklammerndes Reimpaar.

Es ist die eigene Beisetzung, die hier im Geist vorweg genommen wird, ausgehend von der Vorstellung, dass ein Verstorbener eine zeitlang in einem Zwischenbereich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits verweilt. Er ist nicht mehr hier und noch nicht dort, aber auch von beidem nicht vollends getrennt, er liegt in seinem Sarg und horcht von dort aus gleichzeitig nach der Trauergemeinde oben auf der Erde und nach der Totenwelt unten, in die er hinüber geleitet wird. Erst ganz am Ende des Gedichtes hat er den Abschied vom Diesseits endgültig vollzogen.

Er lässt zwar nicht sein ganzes Leben Revue passieren, dennoch erfahren wir eine ganze Menge über ihn. Seine Freunde sind die Musikanten, die seinen letzten Weg begleiten, offenbar war er einer von ihnen. Künstler! Nach Meinung der Nachbarn ein brotloses Metier, auf Sand gebaut. Ja mehr noch, schon zu Lebzeiten passte er kaum in diese Zeit, um so leichter für ihn, heraus zu fahren, er hat‘s [ja] nicht weit. Er selbst fühlt sich vom Leben genarrt, aber das ist jetzt vorbei. Allerdings wird er von den Leuten so weit geschätzt, dass sie ihm die letzte Ehre erweisen und ihm auch den Zweig der Todesraute gönnen, der in manchen Gegenden dem Verstorbenen in die Hand gegeben wird. Selbst der schwarze Vogel Missgunst kann ihm nichts anhaben.

Das letzte Boot: Sein Eichensarg wird ihm zum Charon-Kahn, in dem er über den Acheron ins Totenreich gleitet. Dort herrscht keine Zeit mehr, deshalb ist es auch kein Widerspruch, wenn er schon die Posaune des Jüngsten Gerichts tönen hört.

Auch wenn wir es gar nicht wollen, stellen wir uns hier den Dichter selber vor. Geboren in Tilsit, Ferienaufenthalte in Dörfern an der Memel, Eintritt in die Bekennende Kirche, Kriegsteilnehmer, russischer Kriegsgefangener. Nach dem Krieg wohnhaft in Berlin-Friedrichshagen im Ostteil der Stadt. Er arbeitete im Union-Verlag der Ost-CDU, der auch christliche Literatur in der DDR vertrieb (das gab es!). Er veröffentlichte gleichzeitig in der DDR und der Bundesrepublik (ja, auch das gab es!) und war der Gruppe 47 verbunden. Als er 1965 starb, nahmen „An seinem Begräbnis […] hunderte Menschen sowohl aus der Bundesrepublik Deutschland und der DDR teil, u. a. auch Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson, der trotz seiner Flucht aus der DDR eine Einreisegenehmigung erhielt. Am Grab sprachen Hans Werner Richter und Stephan Hermlin.” (Wikipedia, 25.5.2020)

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