Lieblingsgedichte

Werner Bergengruen (1892 – 1964)

Leben eines Mannes

Gestern fuhr ich Fische fangen,
heut bin ich zum Wein gegangen,
– Morgen bin ich tot –
grüne, goldgeschuppte Fische,
rote Pfützen auf dem Tische,
rings um weißes Brot.
Gestern ist es Mai gewesen,
heute wolln wir Verse lesen,
morgen wolln wir Schweine stechen,
Würste machen, Äpfel brechen,
pfundweis alle Bettler stopfen
und auf pralle Bäuche klopfen,
– Morgen bin ich tot –
Rosen setzen, Ulmen pflanzen,
schlittenfahren, fastnachtstanzen,
Netze flicken, Lauten rühren,
Häuser bauen, Kriege führen,
Frauen nehmen, Kinder zeugen,
übermorgen Kniee beugen,
übermorgen Knechte löhnen,
übermorgen Gott versöhnen –
– Morgen bin ich tot.

An Bergengruen scheiden sich die Geister. Die einen heben sein fast seelsorgerisches Bemühen hervor, den Menschen in schweren Zeiten Halt und Hoffnung zu geben. Die anderen sehen in ihm einen rückwärts gewandten Autor, der die Anforderungen der Gegenwart nicht begriffen hat. Die einen erinnern daran, dass er und seine jüdische Frau, selber aufs Äußerste gefährdet, die Weiße Rose, die Widerstandsbewegung der Geschwister Scholl, tatkräftig unterstützten. Die anderen verweisen darauf, dass der Völkische Beobachter, das Organ der Nationalsozialisten, seinen Großtyrann als Führerpersönlichkeit der Renaissance lobte.

Zwiespältige Gefühle ruft auch sein Gedicht „Leben eines Mannes” hervor. Es geht ja nicht um einen bestimmten Mann, auch nicht um Bergengruen, sondern um die Gattung Mann, es geht um Typisches, nicht Individuelles. „So ist es!” möchte man als Mann beim Lesen ausrufen und sich im nächsten Moment an den Mund fassen: „Ist es wirklich so?”

In der ersten Strophe sehen wir ihn, den Mann, nach getaner Arbeit behaglich feiern, ein farbenfrohes Fest feiern, das Auge fällt auf „grüne, goldgeschuppte Fische”, „rote Pfützen”, „weißes Brot”. Die „roten Pfützen” zeugen von verschüttetem Wein, es könnte sich aber auch um Fischblut handeln.

In der zweiten Strophe müssen wir genau auf die Zeitbestimmungen achten. „Gestern ist es Mai gewesen”, der Frühling, die Jugend, ist vorbei. „Heute wolln wir Verse lesen”, nicht: „Heute will ich ...”. Warum der Plural? Der Singular würde den festen Willen zeigen, der Plural drückt die vage Absicht aus, Verse zusammen zu klauben und ein Gedicht zu machen. Die vage Absicht wird noch einmal verkündet: „Morgen wolln wir Schweine stechen ... (etc.)”. Ob es je dazu kommt, ist mehr als zweifelhaft, denn „Morgen” – wenn das alles passieren soll – „bin ich tot”.

Damit kommen wir zur Aufzählung der Lebensereignisse in der dritten Strophe. Eigenartigerweise fehlt hier die Zeitangabe. Kein Gestern, kein Heute, es gilt hier offenbar immer noch das „morgen” aus der vorangehenden Strophe, das am Ende ins „übermorgen” mündet. Hier wird also aufgelistet, was der Mann alles noch vorhat. Wieviel davon Realität wird, steht dahin. Vollends auf „übermorgen”, auf den St.-Nimmerleins-Tag, verschoben werden Verantwortung, Demut, Selbstreflexion.

Einwurf: In dieser Aufzählung stört mich das gleichmütige „Kriege führen”, das den Krieg als Abenteuer oder notwendiges Übel verharmlost, was angesichts der Erfahrung des Weltkriegs als unangemessen erscheint und den Bergengruen-Kritikern in die Hände spielt.

Alles Planen steht unter dem wiederkehrenden Vorbehalt „Morgen bin ich tot”, das ist die einzige Gewissheit unter all den vagen Aussichten. Bergengruen beschreibt, wie ein erfülltes Leben aussehen könnte. Prall voll müsste es sein, erfüllt von Arbeit und Muße, Anstrengung und Genuss, Kampf und Ruhe, Daseinsfreude und Vorsorge. Selbstbehauptung und Mitgefühl sollten sich ausgleichen, mag auch manches andere versäumt werden. Und es sollte dem unausweichlichen Ende gefasst ins Auge sehen. Leider, so lese ich das Gedicht, bleibt ein solches Leben häufig im Ansatz stecken.

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