Lieblingsgedichte

Ingeborg Bachmann (1926 – 1972)

Böhmen liegt am Meer

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.
Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.
Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen.
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen.
Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.
Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
Zum Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

In Shakespeares Romanze Ein Wintermärchen liegen Sizilien und Böhmen an demselben Meer und Schiffe gehen zwischen beiden. Für die verstoßene Königstochter Perdita wird dieses Böhmen zum Land ihrer Errettung. Man kann lange darüber nachsinnen, ob die vermeintliche Küstenlage Böhmens auf geografischer Unkenntnis beruht oder darauf hinweisen soll, dass Errettung in Wirklichkeit unmöglich ist.

1962 endete Bachmanns Beziehung mit Max Frisch. Das war für sie ein so einschneidendes Trennungserlebnis, dass sie mehrmals das Krankenhaus aufsuchen musste.

In der Tschechoslowakei hatte 1963 eine Phase vorsichtiger Liberalisierung eingesetzt, die 1968 zum sogenannten Prager Frühling führte, der dann durch sowjetisches Militär beendet wurde.

1964 reiste Ingeborg Bachmann nach Prag. 1964 entstand das Gedicht Böhmen liegt am Meer. Da kommt vieles zusammen.

Die Überschrift stellt lapidar fest, Böhmen liegt am Meer, Errettung ist möglich. Aber wie?

Grüne Häuser, heile Brücken, gern verlorene Liebesmüh’ – Balsam für die wunde Seele, für jede wunde Seele (Zeile 4). Wie die Wellen ans Land drängen, bedrängen Worte das Ich. Ein ganzes Meer von Worten, und wenn man den Worten traut, kommt man hoffentlich wieder auf festen Grund. Auch das gilt für jeden (Zeile 8).

Man kann allerdings auch resignieren, Schiffbruch erleiden und zugrunde gehen. Doch gerade wenn ich im Wortmeer versinke, kann ich mich dort selber wieder finden. Deshalb, ihr Heimat-, Liebe- und Halt-, aber nicht Hoffnungslosen, kommt alle mit ans Meer. Und ebenso ihr Shakespeareschen Protagonisten aus Illyrien (Was ihr wollt), Verona (Romeo und Julia) und Venedig (Othello).

Man kann scheitern, die Prüfungen des Lebens nicht bestehen, aber im Scheitern kann ein Sieg liegen. Seht nur, wie dies Prag eine bessere Zeit ahnen lässt. Mich aber – sagt das Ich des Gedichts – bedrängt noch manches andere Wort und manches andere Land, als das Böhmen der Hoffnung. Ich bin nur ein Bohemien, ein heimatloser Böhme, ein Vagabund, nirgends daheim als im Meer der Worte.

Quintesssenz: Ihr dürft hoffen, aber ich muss leiden.

Das klingt banal, aber die Sprache des Gedichtes verbietet es, seinen Inhalt als banal abzutun. Ich will auch nicht behaupten, dass man das Gedicht wie vorgestellt lesen muss, es reicht mir, dass man es so lesen kann. Man kann es aber sicher auch ganz anders lesen. Sozialistisch? Feministisch?

Und zum bitteren Ende, auch wenn man Gedicht und Dichterin nicht zu eng aufeinander beziehen darf – ein Gedicht spielt ja nur mit Möglichkeiten, präsentiert nicht unbedingt biographische Fakten oder Erwartungen –, Bachmann zog 1965 nach Rom, verfiel in exzesssiven Tablettenmissbrauch und starb 1972 bei einem (vermutlich selbst verschuldeten) Wohnungsbrand. Für sie lag Böhmen nicht am Meer.

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