Lieblingsgedichte

Archipoeta (12. Jh.)

Einleitung der „Vagantenbeichte”

(mit der Übersetzung von Matthias Hackmann1)

Estuans intrinsecus   ira vehementi
Mein Inneres glüht vor heftigem Zorn,
in amaritudine   loquor mee menti.
verbittert rede ich zu meiner Seele.
factus de materia   levis elementi
Ich bin aus dem Stoff des leichten Elements,
folio sum similis   de quo ludunt venti.
gleich dem Blatt, mit dem die Winde spielen.
Cum sit enim proprium   viro sapienti,
Wenn es einen weisen Mann nämlich auszeichnet,
supra petram ponere   sedem fundamenti,
das Fundament seines Hauses auf einen Fels zu setzen,
stultus ego comparor   fluvio labenti,
gleiche i ch als Narr einem Fluss, der dahingleitet
sub eodem aere   numquam permanenti.
und niemals unter dem gleichen Himmel verweilt.
Feror ego veluti   sine nauta navis,
Ich für mein Teil treibe wie ein Schiff ohne Steuermann,
ut per vias aeris   vaga fertur avis;
wie luftige Bahnen den flatternden Vogel tragen;
non me tenent vincula,   non me tenet clavis,
mich halten keine Fesseln, mich hält kein Schloss,
quero mei similis   et adiungor pravis.
Ich suche meinesgleichen und schließe mich schlechten Menschen an.
Michi cordis gravitas   res videtur gravis,
Ernste Gedanken erscheinen mir zu beschwerlich,
iocus est amabilis   dulciorque favis.
Sich zu vergnügen ist lieblich und süßer als Honig.
quicquid Venus imperat   labor est suavis,
Was immer Venus befiehlt, das ist reizende Mühe,
que numquam in cordibus   habitat ignavis.
sie aber wohnt niemals in einem feigen Herzen.

Ein unsteter Geselle muss dieser archipoeta (= Erzdichter) gewesen sein, seinen Gedichten nach zu urteilen. Weniges ist von ihm bekannt, nicht einmal sein wirklicher Name, und dieses Wenige auch nur aus den paar Gedichten, die sich erhalten haben. Sein Pseudonym spielt an auf seinen Gönner, den Erzkanzler (archicancellarius) Friedrich Barbarossas und Erzbischof (archiepiscopus) von Köln, Reinald von Dassel. Ob er sich selbst so nannte, selbstbewusst oder selbstironisch, ob er von anderen so apostrophiert wurde, bewundernd oder sarkastisch, ob sein Gönner ihm das Attribut anheftete, anerkennend oder augenzwinkernd – wer weiß?

Es ist nicht einmal sicher, ob er wirklich so ein liederlicher Herumtreiber gewesen ist, wie er sich darstellt, oder ob er sich diesen Mantel nur als poetische Fiktion umgehängt hat, um seine Zuhörer zu unterhalten. Rudolf Schieffer verdeutlicht diesen Gedanken durch Veweis auf die bukolische Lyrik2: „Sie wäre nicht entstanden, wenn es nicht im griechischen Altertum sangesfrohe Hirten in Arkadien gegeben hätte, die durch ihre poetische Schöpferkraft auffielen, und doch stammen natürlich alle überlieferten Texte von Kunstdichtern, die keine Schafe zu hüten pflegten.” Er vermutet in dem Dichter einen Mitarbeiter der erzbischöflichen Kanzlei, dem es als solchem weder an Anerkennung noch an Auskommen mangelte.

Die große Zahl erhaltener Abschriften legt nahe, dass diese Verse zu ihrer Zeit von der lateinkundigen, klerikalen Intelligentsia gekannt und gustiert wurden. Sie mag Gefallen gefunden haben haben an der Attitüde der Zerknirschung, vorgetragen in elegantem Latein, an der Darstellung einer Halb- und Gegenwelt in leicht dahinfließenden Versen.

Gleich in der ersten Zeile verweist das estuans intrinsecus auf Genesis 6, 6 „tactus dolore cordis intrinsecus” – „da reute es ihn (dass er die Menschen gemacht hatte)” – weil er sah, dass der Menschen Bosheit groß war, weshalb er beschloss, sie zu vertilgen von der Erde. Die Hörer oder Leser werden die blasphemische Gleichsetzung von Schöpfergott und schöpferischem Poeten wohl bemerkt haben.

Als die Carmina Burana im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurden, trafen sie auf eine große Mittelalter-Begeisterung. Diese idealisierte alles Mittelalterliche, nahm die Zerknirschung bierernst und verpasste ihr den Titel Vagantenbeichte, obwohl es sich eher um eine Beicht-Parodie handelt. Einige Strophen fanden sogar Eingang in die Kommersbücher der gerade aufkommenden Studenten­verbindungen, so auch diese:

Meum est propositum   in taberna mori,
ut sint vina proxima   morientis ori;
tunc cantabunt letius   angelorum chori:
„Sit Deus propitius   huic potatori.”
Da wird aus dem reumütigen „Sei Gott dem Sünder (peccatori) gnädig” ein auftrumpfendes „Sei Gott dem Säufer (potatori) gnädig” – dies Wortspiel ist nur witzig, wenn man in feucht-fröhlicher Runde beisammen sitzt.
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1 Carmina Burana, Köln: Anaconda Verlag 2006, ISBN-13: 978-3-86647-030-9, S. 594 f
2 Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung, Bd. 98/1-2, Wien 1 990, S. 65 (10.5.2020)
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