Lieblingsgedichte

Anonym (1467)

Es ist ein schne gefallen

Es ist ein schne gefallen
und ist es doch nit zeit,
man wirft mich mit den pallen,
der weg ist mir verschneit.
Mein haus hat keinen gibel,
es ist mir worden alt,
zerbrochen sind die rigel,
mein stüblein ist mir kalt.
Ach lieb, laß dichs erparmen
daß ich so elend pin,
und schleuß mich in dein arme!
so vert der winter hin.

Wer spricht hier? Ein armer Kätner, den seine Liebste versetzt hat? Dem die Kälte in die Knochen fährt? Der dem Gespött und den Schneebällen gefühlloser Burschen preisgegeben ist? Dem auch seine halbverfallene Hütte Schutz und Wärme versagt? Das wäre die harmlosere Deutung, Liebesschmerz des zurück gewiesenen Liebhabers.

Übrigens der Riegel: Grimms Wörterbuch 1 erklärt: „Die grundbedeutung von riegel ist querholz (vergl. rick): daher die querstücke im fachwerkbau riegel heiszen. solche querhölzer, von innen der thür vorgelegt, bildeten ihren einfachsten und ältesten verschlusz. später wird riegel auf das eiserne querstück übertragen, welches an der inneren thürseite befindlich, zum verschlusse vorgeschoben wird, gewöhnlich noch einen selbständigen verschlusz neben dem schlosse bildend.”

Dann hätten wir es also mit dem Fachwerkriegel zu tun, der zerbrochen noch einmal die Baufälligkeit der Hütte, vielleicht auch des Lebensplans ihres Bewohners unterstreicht.

Aber wenn nun doch der Türriegel gemeint sein sollte? Dann bekommt der gewaltsam gebrochene Riegel eine ganz andere Bedeutung. Dann haben wir hier die Klage eines verführten und verstoßenen Mädchens, das mit nach geworfenen Schneebällen wie ein Hund vom Hof gejagt wird, hinaus in die Kälte einer mitleidlosen Welt. Das verfallene Haus steht dann für ihren in Schande gebrachten Leib. Nur eine Wieder-Annahme in Ehren kann sie vor der Kälte und Verachtung ihrer Mitmenschen bewahren. Diese tragische Deutung scheint mir dem verhalten klagenden Tonfall des Gedichts eher zu entssprechen.

Die Handschrift von 1467 endet hier nicht. „Das Lied hat noch 3 Strophen müßigen Zusatzes, die Uhland Nr. 44 wegließ; wir folgen ihm”, urteilen die Herausgeber einer Anthologie von 1893 2 . Hier sind sie trotzdem:

Der winter wil uns entweichen,
der sumer fert da her;
Mir liebt ein seuberleiche,
wolt got sie were mein!
Ich hat mir außerkoren
ein minnigliches leut,
An dem hab ich verloren
mein lieb und auch mein treu.
Das liedlein sei gesungen
von einem frewlein fein:
Ein ander hat mich verdrungen,
das muß ich gut lan sein.

Das klingt, als habe sich ein minder begabter Dichter der ursprünglichen Verse bemächtigt und sie ins Preziöse und Höfische gewendet, um ein gängiges Sujet zu bedienen, die Zerknirschung des abgewiesenen Ritters. Schon wie er seine Angebetene beschreibt, als „seuberleich”, sprich: säuberlich, zierlich 3, und „frewlein”, sprich: Edelfräulein! Da wird überholte Minnedichtung noch einmal aufgewärmt. Auch wird der Ritter wohl nicht in einer verfallenen Hütte hausen, sie dient ihm vielmehr als Bild seiner verletzten Seele. Am Ende scheint er sich ganz gut mit seiner Situation abzufinden. Man sieht, die zusätzlichen Verse gehören wirklich nicht hierher.

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1 Grimm, Jacob und Grimm, Wilhelm, Deutsches Wörterbuch, im Internet verfügbar unter Deutsches Wörtebuch (19.4.2021), Stichwort riegel
2 Erk, Ludwig und Böhme, Franz Magnus (Hrsg.): Deutscher Liederhort. 2. Band. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1893, S. 240, im Internet auf hathitrust.org (20.4..2021)
3 Grimm, a.a.O., Stichwort säuberlich
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